Mix’n’Match am Schauspielhaus
Modern und düster: Die Szenenauswahl von Sophia Aurich für [BLANK] evoziert ein Schauspiel, das sich wie ein Reigen immer weiterdreht.
Wer erinnert sich an die Süßigkeiten, die man selbst zusammenstellen konnte? Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon und vielleicht noch etwas zum Drüberstreuen. Ähnliches schuf die britische Dramatikerin und Drehbuchautorin Alice Birch mit [BLANK]. Ihr Schauspiel wird aktuell am Schauspielhaus Salzburg aufgeführt und ist die Mix’n’Match-Ecke für Regisseur*innen. Statt süßer Geschmacksexplosion dominieren allerdings die sauren Komponenten. Gewalt, Armut, Drogen und Alkohol stehen in den 100 Szenen auf dem Programm, aus denen sich die Regie frei bedienen darf.
Clever gelöst [BLANK] in Salzburg
Was so einfach klingt, ist eine Herausforderung, an der vorangegangene Inszenierungen scheiterten. An ihnen wurde der fehlende rote Faden bemängelt, was bei 100 losgelösten Episoden durchaus nachvollziehbar erscheint. Umso schöner, wie Sophia Aurich (Regie) diesen Fauxpas für Salzburg elegant umschifft. Dafür dröselte die Regisseurin das Spiel auf und verstreut die einzelnen Szenen über das ganze Stück, um die Enden immer wieder aufzugreifen und weiterlaufen zu lassen. Damit kreierte sie ein buntes und zugleich düsteres [BLANK]-Potpourri, das das Publikum abholt und mitnimmt.
Der Clou: Es gibt einen Leuchtturm. Eine Art Stammszene, mit der das Stück beginnt und endet und die sich verlässlich durch das Geschehen windet und es wie ein theatraler Kitt zusammenhält. Passenderweise tragen die Figuren in den dazugehörigen Szenen auch die Namen ihrer Schauspieler*innen und erhalten durch diesen simplen Kniff ihre Sonderposition.
Aktualität zum Mitnehmen
[BLANK] ist ein Puzzle aus vielen kleinen Zwischenfällen, die subsumieren, was die Statistik besagt: Ab dem 15. Lebensjahr kommt jede dritte Frau in Kontakt mit Gewalt. Zugleich erfüllt das Stück sein eigenes Klischee. Übersetzt bedeutet der Titel [LEER], dementsprechend wird auf der Bühne vieles angedeutet und nicht alles ausgesprochen. Das Schauspielquartett mit Sophia Fischbacher, Lucas Riedle, Christina Tzatzaraki und Salome Zehnder jongliert dafür mit den diversen Eigenheiten ihrer höchst unterschiedlichen Figuren und kreiert ein düsteres Kaleidoskop aus Eigenheiten, die sich je nach Mini-Szene überstülpen lassen.
Körpersprache und Mimik sind die Mittel von Lucas Riedle. Ein kurzer Griff zur Nase genügt, und aus dem Erwachsenen wird ein Kind, wenig später steht ein kontrollierter Ermittler auf der Bühne. Salome Zehnder bewegt sich zwischen aggressiver Abwehr und verletzlicher Abhängigkeit, Christina Tzatzaraki setzt auf leise Empathie und ruhige Präsenz, während Sophia Fischbacher eine dokumentarisch wirkende Distanz zeigt, hinter der sich persönliche Brüche andeuten. Vier Spieler*innen, die nicht Figuren darstellen, sondern Zustände verkörpern.
Stadt ohne Zentrum
Bühnenbild und Kostüm verstärken diesen Eindruck. Schwarzflächen, ein verlassener Spielplatz mit Klettergerüst, eine heruntergefallene Eistüte und ein Karussell, das eher Stillstand als Bewegung symbolisiert. Ein Ort, der gleichzeitig Kindheit und Verfall, Großstadt und Einsamkeit in sich trägt. Beleuchtung, Musik und Choreografie verbinden die Szenen, ohne sie zu erklären. Übergänge entstehen eher atmosphärisch als logisch (Bühne und Kostüme: Martha Pinsker, Musik: Friederika Bernhardt, Choreografie: Campbell Caspary).
Immer wieder richtet sich der Blick in eine Live-Kamera, als müsse das Theater sich selbst überprüfen. Auch das passt zu diesem Abend. Er vertraut der Illusion nicht ganz und sucht stattdessen die Nähe zur Wirklichkeit. Am Ende entsteht ein erstaunlich geschlossenes Drama, das dennoch Unruhe, Beklemmung und gelegentlich auch eine trockene, böse Ironie ausstrahlt. [BLANK] ist vieles, aber sicher nicht leer.
Fotonachweis: Erika Mayer // Schauspielhaus Salzburg
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