Wo die Neurosen wuchern
Vom Serienformat auf die Bühne: Emily Schmellers „Der kleine Tod“ wird im Kleinen Theater zum turbulent-schrägen Soloabend mit 15 Figuren.
Emily Schmeller schaffte das, wovon viele träumen. Die eigene Serie im TV zu sehen. Vor einigen Jahren schrieb sie „Der kleine Tod“, produzierte einfach mal eben selbst und verkaufte das Material im Anschluss an JOYN. Läuft, könnte man annehmen. Aber da hört die Story noch nicht auf. „Ich war schon mit Filmproduzent:innen im Gespräch, um einen Kinofilm aus dem Stoff zu machen. Dann hat mir Caroline Richards angeboten, ob ich nicht erst ein Solostück daraus entwickeln möchte. Ich fand die Idee spitze“, erklärt die Salzburger Kulturschaffende.
In aller Plot-Kürze
Margarethe ist eine Psychotherapeutin mit schwerer Kindheit. Die Mutter nahm sich das Leben, als sie acht Jahre alt war. Jetzt ist die junge Frau zwar erfolgreich, hat aber auch einen ausgeprägten Hang zur Masturbation. Als dann plötzlich ihre suizidale Klientin verschwindet und deren spielsüchtiger Hund mit einer Abschiedsnachricht vor ihrer Praxis steht, macht sich Margarethe höchstpersönlich auf die Suche. Hautnah mit dabei sind ihre Schwester Lee und Hund Lucky.
Uraufführung im Kleinen Theater
Psychische Gesundheit, schwarzer Humor, schräge Situationskomik und das eine oder andere Tabuthema treffen in „Der kleine Tod“ aufeinander. Am 7. Oktober feiert die Theaterfassung im Kleinen Theater in Salzburg Uraufführung.
Der Genrewechsel von TV zu Bühne birgt viele Vorteile, erklärt Emily Schmeller. Er ermöglichte es der Autorin, verstärkt in die Tiefe zu gehen und die Vergangenheit ihrer Figur klarer herauszuarbeiten. „Da die Geschichte ursprünglich für eine Serie geschrieben war, ist sie als Theaterstück viel komprimierter und spielt mit der Ebene des Theaters, was im Film so natürlich nicht vorkommt. Die Figuren haben sich weiterentwickelt und mehr Fleisch erhalten“, ergänzt Regisseurin Caroline Richards.
Für zusätzlichen Mehrwert sorgt die eigens für das Stück komponierte Musik von Chili Tomasson. Eine weitere, abstrakte Ebene bringen die Choreografie und die neuen Bewegungssequenzen von Gail Skrela ins Spiel, die für Emily Schmeller auch einiges an Training bedeuteten.
15 Figuren, eine Schauspielerin
Vom zusätzlichen Training ließ sich die Schauspielerin mit der kreativen Ader jedenfalls nicht abschrecken. Inzwischen ist sie bestens darauf vorbereitet, das Stück mit 15 Charakteren im Alleingang zu stemmen.
„Tatsächlich hat es sehr viel Spaß gemacht, die unterschiedlichen Figuren zu entwickeln. Man braucht nur Zeit. Meistens haben wir für die Charaktere erst einen Dialekt oder eine Sprechweise ausgearbeitet. Dann das Tempo der Figuren festgelegt und ihre unterschiedlichen Arten, sich zu bewegen. Manchmal war es aber auch umgekehrt oder es war von Anfang an klar. Immer stand ein sehr individueller Prozess dahinter“, erzählt Schmeller.
Das Team begann sich im Frühsommer grob durch das Stück zu arbeiten. Rasch wurde deutlich: Die wahre Herausforderung liegt darin, später alles wieder korrekt zusammenzusetzen.
Auch Caroline Richards hat sichtlich Freude an der Inszenierung des Soloabends, der ganz auf das Können seiner Akteurin aufbaut. „Ich hatte sofort das Gefühl, dass es genial wäre, mit einer Schauspielerin zu erzählen. Ein simples Bühnensetting, bei dem sie ihre Virtuosität zeigen kann und von einer Rolle zur anderen wechselt. Da ich Emily und ihr Dialekttalent kenne, wusste ich, dass ihr das bei der Umsetzung der verschiedenen Figuren helfen würde.“ Genau darin liegt für die Regisseurin auch die Freude an der Arbeit. „Es geht sehr viel um Timing, Rhythmus und kleine Tricks, die einem das Gefühl geben, dass gleichzeitig mehrere Figuren auf der Bühne sind. Es ist wie ein Puzzle, das man entziffern muss, um es dann wieder zusammenzusetzen.“
Alle Tabus auf den Tisch
„Der kleine Tod“ zeigt keine Berührungsängste, wenn es um Tabus geht. Suizid, Tod, Sucht oder Masturbation sollen nicht länger ins dunkle Kämmerchen gesperrt und hinter vorgehaltener Hand thematisiert werden. „Wir freuen uns sehr, wenn wir Menschen mit unserem Stück erreichen. Dafür bieten wir einen Abend, wo man befreit lachen kann, aber auch eine Fläche der Berührung“, erklärt Emily Schmeller die Intention hinter ihrer Arbeit.
Bleibt nur noch diese eine drängende Frage: Ist Hund Lucky eine der 15 Figuren? Nein. Die spielsüchtige Fellnase ist tatsächlich nur auf Sound-Ebene vertreten. Das beruhigt irgendwie und macht zugleich aber auch Lust auf mehr.
Fotonachweis: Magdalena Kreimer // TATU Theater
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