Die Räuber – Schauspielhaus Salzburg

Schillers moralische Irrfahrt und jede Menge Testosteron

Die Räuber am Schauspielhaus Salzburg

DIE RÄUBER führte seinen Verfasser, der mit seinem ersten Drama plötzliche Berühmtheit erlangte, für 14 Tage in den Arrest. Für die Uraufführung am 13. Januar 1782 in Mannheim entfernte sich Friedrich Schiller unerlaubt aus Stuttgart. Herzog Carl Eugen fand das gar nicht erheiternd und bestrafte den Dichter und Denker; wenig später verbot er ihm jegliche literarische Betätigung. Das ließ sich der junge Schiller aber nicht so ohne weiteres gefallen und emigrierte kurz darauf, um Jahre später festzuhalten: „Die Räuber kosteten mir Familie und Vaterland“.

Freiheit und Gesetz bewegten den Dichter zum Ausbruch und sind die zentralen Themen, die immer wieder Eingang in sein literarisches Schaffen fanden. Auch in DIE RÄUBER, das gestern im Schauspielhaus Salzburg Premiere feierte und uns nach Vorstellungsende ganz euphorisch und von revolutionärem Gedankengut beseelt das Theater schwärmend wieder verlassen ließ. Dazwischen liegen Schiller’sche Ideale rockopern-mässig verpackt (minus der Oper) und alter Stoff optisch modern adaptiert (Regie: Maya Fanke, Bühne: Vincent Mesnaritsch, Kostüm: Elke Gattinger). Die Aufklärung lebt und der Sturm und Drang lässt auch heute noch die Gemüter entflammen; ihre Visionen und Ideen zeigen sich in neuem und sehr leidenschaftlichem Kleid. Das ist en vogue; man denke an die vergangene Spielzeit und an Schillers KABALE UND LIEBE am Landestheater. Die Inszenierung von M. Fanke schafft es jetzt, mit wenig, aber klug arrangierter Kulisse und umso entfesselteren Emotionen noch ein Scherflein nachzulegen.

Schiller rockt. – Franz ist unglücklich. Als Zweitgeborener ewig chancenlos, in einer noch von alten Werten dominierten Welt und von der Natur mit unansehnlicher Physiognomie bestraft, begehrt er auf. Der Unglückliche erhebt sich gegen die Natur, die ihm ihren Willen aufzwingt und möchte ihr stattdessen den seinen aufnötigen. Alleine, das kann bei Schiller, dem alten Rousseau-Verehrer und Naturgesetz-Liebäugler keinesfalls gut gehen. Das weiß freilich Franz, seine fiktive Figur, nicht. Also rebelliert er und intrigiert gegen seinen Bruder, den schönen, edelmütigen Erstgeborenen Karl mit der hübschen Verlobten Amalia. Seinem Schauspieler (Matthias Hinz) gelingt das ganz vorzüglich. Mit übersteigerter Hybris arbeitet Franz auf sein Ziel zu und entwickelt dafür zahlreiche pathologische Eigenheiten, die kalte Schauer über den Rücken jagen. Franz‘ ganzes Wesen wird von einer Besessenheit dominiert, die ihn am Ende „ver-betend“ auf dem Boden kDIE RÄUBER von Friedrich Schillerniend und angeekelt seine Hände abschütteln lässt. Nein, zu Gott fleht er dann doch nicht, diese Genugtuung will er ihm nicht geben. Dafür intrigiert er famos. Ein gefälschter Brief an den leichtgläubigen – und vermutlich krankheitsbedingt etwas heiseren – Papa Maximilian von Moor (Georg Reiter) hier, einen anderen an seinen mindestens ebenso leichtgläubigen ersten Filius (Martin Brunnemann) dort und schon ist ein Beil zwischen die beiden gegraben. Karl erhält den angeblichen Brief des Vaters in der Fremde und ist so tief getroffen von dessen ablehnender Haltung, dass er sich in seinem verletzten Gerechtigkeitsgefühl einer Räuberbande als Hauptmann anschließt. Mordend und raubend zieht die durch die Lande, bis es sie eines Tages in Karls Heimat verschlägt. Und trotzdem ist Karl anders; tief geprägt von der Sehnsucht nach Freiheit, ist der Humanitätsgedanke in seine Figur eingebrannt und lässt ihn von den anderen differieren.

„We don’t want a piece of the cake, we want the whole fucking bakery.“  – Überhaupt ist die Räuberbande, diese geballte Testosteron-Ladung, von jeder Menge Emotionen beseelt. Feuer und Flamme für ihre Ideale springt die Glut von Schillers RÄUBER-Gefühlen auf die Schauspieler über und entflammt sie mit Haut und Haar. Die Spielfreude eskaliert zu lauten elektronischen Klängen und dem einen oder anderen E-Gitarrenriff. DIE RÄUBER von Friedrich SchillerLeitmotivisch ziehen sich die musikalischen Ankündigungen durch das Stück und beschränken sich dabei nicht auf die aufbegehrende Bande. Die in der Heimat Verbliebenen – Amalia (Yael Hahn), Franz und Maximilian von Moor – werden in melancholische Klänge gehüllt. Das erscheint passend, verzehren sich Amalia und Max doch nach Karl und Franz nach seinem Erbe – Elegie (und Anflüge von Größenwahn auf Franz‘ Seite) überall. Apropos, romantisch in pinkem Lagenkleid flaniert Amalia sinnierend und phasenweise durchaus entrückt über die Bühne, gleichzeitig agiert sie auch unglaublich sarkastisch und ironisch. Ihr Schmerz ist greifbar. Und die Räuber? Die toben durch den theatralen Raum, als gäbe es kein Morgen. Und bei so manchem enthusiastischen Sprung auf den Boden und in die Höhe oder sehr motivierten Sprints aus dem Dunklen an den Bühnenrand verwundert es dann doch ein wenig, dass es noch eines geben wird; vermutlich garniert mit zahlreichen blauen Flecken. [Autsch!]

Schillers DIE RÄUBER im Schauspielhaus-Gewand wirkt unglaublich ansteckend und leidenschaftlich intensiv. Die lauten Töne rütteln auf, die Emotionen auf der Bühne eskalieren. Gefühl und Pathos mischen sich in eine mit Stilfiguren angereicherte Sprache, die in so interessantem wie merkwürdigen Kontrast zur neuzeitlichen Kostümierung der Schauspieler und -in steht, dass sie die Quelle des besonderen Reizes darstellt, der sogar Freundin B., die Anglophile und Kritische, erfolgreich entzückt. Am Ende scheinen alle begeistert. Uns inklusive. Euphorisch und überdreht verlassen wir also das Haus. So soll Theater sein. Das stelle ich jetzt einfach in den Raum und freue mich nachträglich über Schiller und sein Opfer.

 

Fotonachweis: Marco Riebler // Schauspielhaus Salzburg

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