Clean City | Anestis Azas & Prodromos Tsinikoris – Sommerszene 2017

Gefährlicher Sauberkeitsfimmel

CLEAN CITY – fünf Reinigungsdamen räumen auf: mit Klischees, Vorurteilen und der gesellschaftlichen Situation. Intelligentes Dokumentationstheater zum Sinnieren und Disputieren.

Popcorn. Ein paar meiner Freunde können ein Lied davon singen. Oder wie es F., der Algerier in Frankreich, so schön mit dickem französischen Akzent formulierte „I h’ate popcooorn!“. Das lag daran, dass F. putzte. Im Kino. Er tat es nicht, weil er so ein leidenschaftlicher Cineast gewesen wäre. Nein, er heuerte im örtlichen Kino an, weil er als Algerier in Paris für England keine Arbeitserlaubnis hatte. Damit ging es ihm wie R. aus Polen oder K. aus Slowenien. Auch M. hielt den Geruch von Popcorn nicht mehr aus. Das war vor den EU Beitritten ihrer Länder. Niemand sonst stellte sie ein – schwarz. Als sie mir anboten, mir ebenfalls einen Reinigungs-Job im Kino zu besorgen, lehnte ich dankend ab. Stattdessen spazierte ich ins Amt, holte mir meine Sozialversicherungsnummer und fand prompt einen Nebenjob. Ziemlich unkompliziert und privilegiert, dank EU-Status.

Das Dokumentarstück CLEAN CITY ist eine Reaktion auf die rassistischen Unruhen während des Höhepunktes der Weltwirtschaftskrise. Damals forderte die rechtsextreme griechische Partei „Goldene Morgenröte“, das Land von allem Fremden zu ’säubern‘: Immigranten, Flücht­linge, Ausländer raus, Griechenland den Griechen. Im Gegenzug zu dieser Rhetorik stellten sich die beiden Regis­seure Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris die Frage: „Wer macht eigentlich in diesem Land sauber?“. Wie im Westen sind das vor allem Ausländerinnen, Migrantinnen und Flüchtlingen. Höchste Zeit also, ihnen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Fünf Reinigungsdamen aus Griechenland mit Migrationshintergrund bilden die diskursive Basis – das Bühnenbild eine Wohnung; das ’natürliche‘ Habitat ihrer Profession wird zum szenischen Rahmen. Die Atmosphäre ist locker-heiter mit ernsten Momenten. Beschwingt erzählen die Frauen von ihrem Alltag als Reinigungskräfte in einem Land, dessen Sprache sie nicht verstanden – einem neuen Leben, das sie nicht freiwillig gewählt hatten. Die Situation ist ungezwungen, konspirativ; das Publikum sind die Verbündeten, die auf einen kleinen Schwatz vorbeischauen. Gleichzeitig geht es auf die Reise in eine fremde Welt: Putzend oder rastend werden die ersten Erinnerungen ausgepackt.

Wie auf einem Pferdemarkt werden die Einwanderer*innen direkt nach der Ankunft von ihren künftigen Arbeitgebern ausgewählt. „Weine nicht vor den Kindern. Weinen kannst du am Abend in deinem Bett,“ war der erste Befehl, den die bulgarisch stämmige Rositsa erhielt, als sie beim Anblick der fremden Kinder in Tränen ausbrach. Erinnerten sie sie doch an die eigenen in der Heimat. Fredalyn erzählt, dass sie ihrer Mutter auf den Philippinen anfangs nicht einmal sagen konnte, dass sie putzen gehe. Zu sehr schämte sie sich dafür, schließlich habe sie Architektur studiert. Der albanischen Professorin Drita ging es ähnlich – dafür habe er sie nicht studieren lassen, warf ihr der Vater vor, als er von ihrer Situation erfuhr. Die südafrikanische Lauretta kam ‚der Liebe wegen‘ nach Griechenland und heiratete einen Griechen. Vor dem alltäglichen Rassismus schützte sie das wenig. Die russische Sopranistin Valentina berichtet davon, wie sie nach den Unruhen Angst um Mann und Tochter hatte. Beide sähen nicht sonderlich griechisch aus.

Es ist die Natürlichkeit und Authentizität des Laien-Ensembles und die unaufdringlich-gelungene Inszenierung ihrer Geschichten, die CLEAN CITY zu einem faszinierendem Dokumentarstück macht. Das regt zum Nachdenken an und unterhält auf intelligente Weise. Vermutlich auch, da rasch deutlich wird – die Fremden sind gar nicht so fremd. Hinter ihnen verbergen sich Schicksale, die durch einen kleinen Twist auch das eigene hätten werden können.

 

Fotonachweis: SZENE Salzburg Bernhard Müller

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