Erika Mayer Literaturfest "Die Infantin trägt den Scheitel links"

Die Infantin trägt den Scheitel links – Toihaus Salzburg

Dreams are not her reality: Eben noch auf der Shortlist für den österreichischen Buchpreis, jetzt am Toihaus in Salzburg. „Die Infantin trägt den Scheitel links“ als knackiger Hybrid.

Auf Krawall ist sie auch am Toihaus gebürstet, diese selbsternannte Infantin, die ihren Scheitel links trägt und aus dem gleichnamigen Roman von Helena Adler stammt. Die Salzburger Künstlerin feierte mit dem Text 2020 ihr viel gepriesenes Debüt. Von „Anti-Heimatroman“ ist die Rede, von „spitzer Sprachzunge“ und „schriller, derber Sprache“. In der gebrochenen Dorfbiographie vermischen sich die satirischen Reminiszenzen eines so gar nicht melancholischen Anti-Heimatromans mit popkulturellen Niedlichkeiten. Dieses illustre, mäandernde Treiben greift auch die gleichnamige Inszenierung am Toihaus auf, die in Ko-Produktion mit dem Literaturfest entstand (Performance & Stückentwicklung: Mirjam Klebel, Nicola Schößler, Benjamin Lageder)

In aller Plot-Kürze

Dass sie, die jüngste Tochter, das zarte Kind, den Bauernhof ihrer Eltern abfackelt, ist nicht nur ein Versehen, es ist auch Notwehr. Ein Akt der Selbstbehauptung gegen die Zumutungen des Heranwachsens unter dem Regime der Eltern, einer frömmelnden, bigotten Mutter und eines Vaters mit einem fatalen Hang zu Alkohol, Pyrotechnik und Esoterik. Von den älteren Zwillingsschwestern nicht zu reden, zwei Eisprinzessinnen, die einem bösen Märchen entsprungen sind und ihr, der Infantin in Stallstiefeln, übel mitspielen, wo sie nur können.

(Jung und Jung, 2023)

Ein Anti Heimatroman-to-Go

192 Seiten in 50 Minuten zu stecken, ist kein Pappenstiel. Noch dazu, wenn es sich um ein spartenübergreifendes Stück handelt. In „Die Infantin trägt den Scheitel links“ gelingt es trotzdem. Noch besser, die neu gewonnene Kürze verleiht dem Text sogar einen ganz frischen Zugang. Adlers Original des ländlichen Anti-Idylls basiert vor allem auf ausschweifenden Sprachbildern, die sich wie Pinselstriche durch das Geschriebene ziehen. Die kann man mögen, muss man aber auf Dauer nicht. Die Performance am Toihaus kommt da schon sehr viel pragmatischer daher. Gezwungen, sich auf das Wesentlichste zu konzentrieren, entsteht ein angenehm entschlackter Hybrid. Nicola Schößler ist für das Schauspiel zuständig, Mirjam Klebel für die Performance und Benjamin Lageder koordiniert das musikalische Treiben.

An Text wird gespart. Nur die ersten paar Seiten finden vollständig Eingang. Mit klarer Stimme trägt Nicola Schößler die Zeilen vor, mit dem zugleich das makabre Personal eingeführt wird. Dass das doppelt und dreifach mit ihr sowie Tänzerin und Choregrafin Mirjam Klebel besetzt ist, stört keinesfalls. Versiert wechseln sie die Rollen und bleiben doch meistens in der erzählenden Protagonistin verhaftet. Besonders schön, die Darstellung der älteren Zwillingsschwestern, die in der Fantasie der Ich-Erzählerin mit rostigen Nägeln als Haaren daherkommen. Durch technisches Spiel verdoppelt sich die Stimme der so gar nicht niedlichen Schwestern und sie erhalten diesen subtil bösartigen Unterton, der ihnen in den Ohren der namenlosen Protagonistin gerecht wird.

Die Infantin: Dreams are my reality

Wunderbar gelungen die musikalische Untermalung, die die popkulturellen Anspielungen auf das akustische Übertragen. Wenn bei der angehenden Gymnasiastin nicht nur die Brüste, sondern auch die Ideen zu wachsen beginnen, dann ertönt zugleich ein verspieltes „Reality“ aus La Boum im Hintergrund. Wer jetzt 80er Jahre ruft, sollte das lieber stecken lassen. Die Autorin zitiert auch den 30jährigen Krieg als eben vorbei, und andere geschichtsträchtige Merkwürdigkeiten. Zeitlich verorten lässt sich dieser Text nur schwer. Dafür wird das ausgeprägte Rebellentum und die diebische Schadenfreude der Protagonistin auch physisch in der Performance sichtbar. Mit versteinerter Miene erzählt die jetzt junge Frau den Dorfbewohnern die Mär, dass der verhaftete Vater schon im Wald mit geladener Waffe auf sie gelauert habe, bevor er der Justiz ins Netz ging.

Das invertierte und ad absurdum geführte Bauerntum spiegelt sich nicht nur in Ausstattung wie Gummistiefel und Stallanzug, das wäre zu platt. Nein, auch Wolle oder ähnliche Materialien befindet sich auf der Bühne. Dort wird es passend in Darmform aus einem Eimer gezogen. Bitte einmal ekeln, auch wenn es nicht so richtig zum Ekeln ist. Am Ende dann noch ein Rülpser, Infantin mit Scheitel auf links gebürstet verpflichtet eben.

 

Fotonachweis: Erika Mayer / Literaturfest

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