Rock’n’Roll Autopsy – The Les Clöchards

Die korsischen Rock’n’Roll Piraten und ihr buntes Repertoire in Salzburg. Eine einmalige Mischung.

Dunkelheit umgibt das Publikum. Ein abgerissener Mann in lumpiger und facettenreicher Kleidung taucht aus dem Bühnennebel auf und entschwindet gleich darauf wieder hinter einer Ansammlung abenteuerlich interessanter Schlaginstrumente. Der Nächste folgt auf den Fuß, schlendert scheinbar zögerlich in den Saal und greift sich das nächste Instrument; binnen kurzer Zeit haben sich fünf selbsternannte Teilzeitobdachlose von einer kleinen Insel nahe Korsika auf der Bühne versammelt.

Salzburg im Sommer, das sind nicht nur Festspiele, sondern auch ein gefälliges Kontrastarrangement. THE LES CLÖCHARDS gastierten für zwei Vorstellungen im Kleinen Theater in Salzburg und erfreuten ihr Publikum mit einer nicht ganz so kleinen, aber sehr feinen Vorpremiere ihres neuen Programms: Rock’n’Roll Autopsy.

Rock’n’Roll Autopsy. – Der Name ist verlockend. (Oder liegt es daran, dass sich „Autopsy“ so herrlich im Mund hin und her rollen lässt?). Und er ist Programm. Rock’n’Roll eröffnet das Konzert der fünf exzentrischen Musiker, die ihren eigenen Mythos kreierten und persistent daran festhalten. 1949 brachen sie von einer kleinen Insel nahe Korsika auf, um die Welt mit Musik zu erobern. Die Les Clöchards stehen zwar jung und keck auf der Bühne, wühlen aber umso fröhlicher in imaginierten Erinnerungen. Ihr künstlerisches Programm ist Teil der unglaublichen Mär, die der musikalischen Formation ihren  ganz speziellen TLC_1Charme verleiht. Von den angeblich 368 selbst verfassten Songs präsentieren sie an diesem Abend nur eine wohldosierte Auswahl. Unbekümmert beanspruchen sie bei dieser Gelegenheit fast jeden Titel für sich. Und natürlich ist fast jeder gecovert. Vermutlich nur mit Ausnahme der ausführlich angekündigten und genüsslich zelebrierten Cover-Version.

Absoluter Hörgenuss. – Gleich zu Beginn der Show sinnieren die fünf Teilzeitobdachlosen mit „Long Way“ (das AC/DC sich sicherlich von ihnen ausborgte, richtig?!) expressiv über den langen und harten Rock’n’Roll – Weg und eröffnen hochoffiziell den illustren Rock’n’Roll Autopsy-Reigen. Der inkludiert zahlreiche bekannte Songs, die kreativ und wunderbar neu interpretiert wurden. „Virgin“ ist einer davon. Die Cover-Versionen sind einzigartig. Famos erlebt „Girls“ einen zweiten, dritten, vierten oder fünften (wer kann das so genau beurteilen) Frühling. Und weil nicht nur die „girls“ den Spaß wollen, laufen auch die „boys“ zu musikalischer Höchstform auf. Verschiedene Musikgenres fließen in die unterschiedlichen Songs ein und liefern ausreichend Material für akustische Experimente. „Time of my Life“, angeblich von einer arabischen Liebestrommel begleitet, erfährt laszive orientalische Beiklänge und immer wieder greifen die fünf Musiker mit der zerlumpten Kleidung auf Reggae zurück. An einer Stelle bricht es gar aus dem bis dahin beinahe stummen Schlaginstumentalisten heraus, der mit unvermutet wohltönender Stimme eine Rapp-Einlage darbietet. Es ist genau diese musikalische Diversität, die gemeinsam mit dem selbst kreierten Mythos den wunderbaren Zauber von Les Clöchards ergibt.

Koordiniertes und durchdachtes Chaos. – Quasi nebenbei wird großartiges Comedy-Programm geboten und entpuppen sich die musikalischen Landstreicher als talentierte Schauspieler. Immer in Englisch mit französischem Akzent parlierend (der bisweilen ins … Italienische [?] abdriftet), verharren sie konsequent in ihren korsischen Rollen. Das beeindruckt. Und erheitert.  Vor allem dann, wenn die korsischen Vagabunden mit dem Publikum kokettieren.
Les Clöchards rasen wie aufgezogen über die Bühne, liefern einschlägige Rock’n’Roll Posen, schwingen Mikros durch die Luft oder werfen mit Musikinstrumenten um sich. Nur zerschlagen, zerschlagen wird dann doch nichts. Auch der lässig auf dem Lautsprecher posierte Fuß wird eher vorsichtig zwischengeparkt. Und eigentlich sind die selbsternannten Korsen ohnehin sehr umgängliche Rock’n’Roller. Hingebungsvoll kuschelt der eine mit seinem Saiteninstrument und räkelt sich der andere frivol am Mikroständer, während er einhändig weiter in die von Oma geerbten Tasten haut und mit der Zunge am Mikro klebt. Musikalische Exzellenz adelt das großartige und herrlich ironische Programm.

Dacapo! – Das Publikum ist begeistert, laut ertönt nicht enden wollender Applaus. Als Belohnung präsentieren die kühnen Korsen, nur noch in durchlöcherten Feinripp-Slips gehüllt, „666“. Aber was wäre auch ein richtiges Rock’n’Roll Konzert so gänzlich ohne nackte Haut?! „I’m coming back, I will return (…)“ wird an dieser Stelle übrigens als Versprechen gewertet.

Fotonachweis: (c) Nick Callaghan, www.nickcallaghan.com // The Les Clöchards

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