Der Golem – Gustav Meyrink

DER GOLEM im Prager Ghetto: expressionistisch und bildreich.

 

Immer wieder begibt es sich nämlich, dass ein vollkommen fremder Mensch, bartlos, von gelber Gesichtsfarbe und mongolischem Typus aus der Richtung der Altschulgasse her, in altmodische, verschossene Kleider gehüllt, gleichmäßigen und eigentümlich stolpernden Ganges, so, als wolle er jeden Augenblick vornüber fallen, durch die Judenstadt schreitet und plötzlich… unsichtbar wird. (G. Meyrink, S. 42)

Alle dreiunddreißig Jahre wird er gesichtet und die, die ihn sehen, befällt eine seltsame Starre. Entsetzen durchströmt ihre Körper. – Es scheint schlüssig, dass Meyrinks phantastischer Roman die Schauerromantik E.T.A. Hoffmanns und Edgar Allan Poes widerspiegelt. Und dennoch entwickelt DER GOLEM eine ganz eigene, unheimlich-düstere Dynamik, die die Legende von Rabbi Löws Kunstmenschen, dem Golem, aufgreift (übrigens nur eine von zwei Varianten des Golems, die relativ spät – nämlich im 16. Jh. – entstand; ursprünglich geht der Mythos auf talmudische Zeugnisse zurück). Im Mittelalter wurde der Lehmkoloss zu einem künstlichen Menschen, der durch das Wort erweckt, aber auch zerstört werden kann.

Dieses Wissen tröstet in der Welt des Erzählers keinesfalls. Der träumt nämlich eines Tages davon, in den Gassen des jüdischen Ghettos dem Golem begegnet zu sein. Wieder erwacht, lässt ihn das Erlebte nicht mehr los. Immer wieder fließen Reminiszenzen an die Begegnung in seinen Alltag ein, immer häufiger verschwimmen Traumwelt und Realität. Was folgt ist dämonisch-schön. Die Rezipient*innen werden in die andere Welt des Ghettos gezogen, der Erzähler nimmt sie mit auf eine einmalige Reise und alsbald durchbricht die Konfusion sogar die Schranken der eigenen Realität. Es ist schwer, Abstand zu wahren und Athanasius Pernath seinem Schicksal zu überlassen, während der Autor fleißig verschiedene Ebenen wie ein geübter Taschenspieler durchmischt und neu verteilt. Das Ende trifft die Leserin genauso unerwartet wie Pernath. Hätte man es nicht doch erahnen können? Vermutlich nein.

Deshalb ist er jetzt da, der Wunsch, den GOLEM noch einmal von vorne zu beginnen. Und tatsächlich, mit einem Mal fallen die kryptischen Wörter auf den ersten Seiten in einen neuen Sinn-Zusammenhang. Ein zweites Mal lesen, ermöglicht es übrigens auch, ein zweites Mal die Wortgewalt von Gustav Meyrinks Erzählung zu genießen. Das Lesen als Genuss-Akt, selbst bei einem düster-mysteriösen Roman wie dem GOLEM. Kann das Leben schöner sein? Vermutlich ebenfalls nein.

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