frankenstein schauspielhaus salzburg (c) jan friese

Frankenstein – Schauspielhaus Salzburg

Jérôme Junod inszenierte „Frankenstein“ am Schauspielhaus Salzburg als schaurig schönes Gothic Stück in melancholischem Electro-Kleid.

Vor dem Vorhang ein junger Mann in dunkelrotem Seidenmantel, der zu düsterem Electro-Sound sehnsuchtsvoll Utopia ins Mikrofon haucht. Ein Schelm, wer hier nicht Sturm & Drang oder Gothic Novel (oder beides) denkt: Die erste Szene von Jérôme Junods „Frankenstein“ ist jedenfalls eine klare Ansage – und das muss sie auch. Schließlich entspringt der Gruselstoff dem Jahre „Achtzehnhundertunderforen“ und der wohl verrücktesten Teeparty aller Zeiten. Damals, als sich Lord Byron und sein Leibarzt John Polidori mit Schriftstellerkollege Percy Shelley und dessen Geliebten und späteren Ehefrau Mary Wollstonecraft Shelley in der schönen Schweiz einen Schauermärchen-Contest lieferten. Auch wenn die beiden prominenten Berufsliteraten nichts Zustande brachten, was die Zeit überdauerte; Poldori schuf immerhin eine Vampirgestalt, die heute noch herumgeistert, und Mary Wollstonecraft Shelley „Frankensteins Monster“.

Reich‘ mir mal bitte das Rampenlicht, Frankenstein

Das Spannende an dieser Inszenierung: Im Schauspielhaus steht vordergründig nicht das Monster im Fokus, sondern sein Schöpfer. Die unterschiedlichen Orte bilden im klug dreigeteilten Bühnenbild eine Konstante (Bühne: Isabel Graf). Dadurch gelingt es Jérôme Junod (Regie & Text, Kostüm: Antoaneta Stereva), das als Briefroman konzipierte Geschehen persistent im Auge des Publikums zu halten. Alles scheint sich zur gleichen Zeit zu entfalten und wird selbst für Unbedarfte als modernes, gut verdauliches Schauspiel mit spannender Tiefe greifbar. Weiters intensiviert Junod das Schauder-Tableau durch Metaebenen, die sich nach Belieben öffnen und schließen, ohne den Erzählfluss zu stören.  Im Gegenteil; an seltenen Stellen berühren sich die Bereiche sogar, wenn Figuren aus Victor Frankensteins Erzählung auf seine Kommunikation mit Roberta Walton auf einer anderen Ebene reagieren. Die reiselustige Nordpol-Abenteurerin bildet die Binnenhandlung, mit der „Frankenstein“ beginnt und endet.

Bloß kein Mann

Die moderne poppige Note verrät es: Jérôme Junods „Frankenstein“ hat die Jugend fest im Blick. Davon kündet nicht nur die stimmige musikalische Untermalung (großartig dargebotene Sound-Eskapaden von Bernhard Eder), sondern auch die Wandlung des Polarforschers. Aus Robert Walton wird Roberta Walton (Petra Staduan). Jung, schlagfertig und ohne Genierer setzt sie sich nicht nur für die – eh klar – Frauenrechte ein, sondern flirtet auch gleich mit der attraktiven und bereits verlobten Journalistin (Magdalena Oettl). Das ist fast schon ein bisschen zu viel des Klischees. Böse Zungen würden behaupten, dass „Frankenstein“ damit die Woke Welle surft, weil alles für die Quote. Andererseits war Mary Wollstonecraft, die früh verstorbene Mutter von Mary Wollstonecraft Shelley, eine der ersten Frauenrechtlerinnen – und damit avanciert Roberta Walton zur Hommage an die Mary Wollstonecrafts von damals, heute und morgen. Ein schöner Regiezug.

Frankenstein: KI anno 1816

Die Wissenschaft steht am Pranger: Welche moralischen Konsequenzen folgen auf die Erschaffung eines künstlichen Menschen? Wer wagt es, sich als Schöpfer aufzuspielen, und was geschieht eigentlich, wenn die KI plötzlich Eigenleben entwickelt? Die industrielle Revolution ist schon längst passé, Geistergeschichten schaudern nicht länger, aber tatsächlich scheint die Moral ohne Ablaufdatum und wird von Wolfgang Kandlers Victor Frankenstein in all seinen (bedenklichen) Facetten dargeboten. Von absoluter Euphorie bis zu ersten Zweifeln. Hier folgt auf das Staunen vor der eigenen Hybris die plötzliche Einsicht, dicht gefolgt von purer Panik. Nur, da ist es schon zu spät. Der ungefragt in die Welt Gestoßene wird sich später an seinem Meister rächen, der fortan an einer eminenten Gereiztheit laboriert, die von seinen beiden Professoren (Olaf Salzer & Anthony Connor) humoristisch übersteigert ins Extrem befeuert wird. Eines steht fest, nach Ingolstadt zum Studium, das sollte wohlüberlegt sein.

Sind wir nicht alle ein bisschen Monster?

Die düstere moralische Absage wird hervorragend mit den Briefen von Elisabeth (Magdalena Oettl) an Frankenstein akzentuiert. Während die eine immerfort schreibt und ihre Briefe tragisch schön über die Bühne erklingen, hüllt sich der andere in Schweigen und verliert sich in seiner Obsession. Diese Stille, in der Elisabeths Stimme ungehört verhallt, ist einprägsamer als die späteren Beleidigungen der anderen an das Monster – die so unvermutet und übersteigert daherkommen, dass sie bisweilen unbeholfen wirken. Von dieser vermutlich nicht intendierten Reaktion profitieren aber die Sympathiewerte für die Kreatur. Die hat sich Hussam Nimr mit Haut und Oversized Bomberjacke großartig einverleibt.

Anfangs nur als Schatten auf der Bühne, wird das unglückliche Wesen im Verlauf der Inszenierung immer greifbarer. Schließlich tritt sie verhüllt und mit existenziellen Fragen im Gepäck ins Rampenlicht, an denen sie nur scheitern kann. Ein starker Kontrast, der mitten ins Schwarze trifft. Zugleich wird schon an dieser Szene deutlich: Was die Kreatur umtreibt, das könnte alle betreffen, ja, das plagt vermutlich sogar auch alle in dieser oder jenen Form. Dieser Umstand verleiht ihr etwas zutiefst Menschliches und wirft die nächste (ungemütliche) moralische Frage auf. Nämlich die nach der Gesellschaft und der Rolle jedes Einzelnen darin.

Wortspiel

Sprachlichkeit wird in den Inszenierungen von Jérôme Junod großgeschrieben, auch in „Frankenstein“. Besonders gelungen, der Spracherwerb des Monsters, den das Publikum dank kreativer Dialoge in unverständlicher (Kunst-?) Sprache am eigenen Leib erfährt. Kann die Figur mit der eigenwilligen Intonierung also doch bestehen? Schonungslos wird das Aufflackern der Hoffnung von der Regie zunichte gemacht. Immerhin sorgt Frankensteins Freund Felix (Paul Andre Worms) für gute Laune; keiner Spirituose abgeneigt und immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Da ist es wieder, dieses humorige Moment, das Augenzwinkern schelmischer Dialoge, die auch in einem Stück wie „Frankenstein“ Platz finden – und das die drei fidelen Matrosen (Antony Connor, Paul Andre Worms und Olaf Salzer) aus dem Effeff beherrschen.

Fotonachweis: Jan Friese

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