Das Sissi-Syndrom

Eine Notverstaatlichung.

Sissi (Kaiserin Elisabeth) und Romy (Schneider) sind auch nach ihrem Tod noch auf das innigste miteinander verbunden. Doch das Leben in der Kaisergruft birgt so seine Tücken, deshalb leiden die beiden Damen auch an Darmträgheit, Hyperaktivität, sexueller Unlust und Magersucht, kurzum dem Sissi – Syndrom. Das frustriert und führt zu einer postmortalen Depression, dabei sollten sie sich doch eigentlich ganz anderen Dingen widmen. Beispielsweise das marode österreichische Bankensystem retten, das in den ehemaligen Kronländern vor sich hin darbt.

(c) Theater (Off)ensive

Nach einer ziemlich langen Zeit der Abwesenheit schaffe ich es endlich wieder in eine Vorstellung des Theater (Off)ensive, die mich schon mit ihrer ganz eigenen Interpretation der Bibel  ziemlich begeistern konnten. Das SISSI SYNDROM (eine Farce von Alexander Mitterer; Regie und Bühne: Alex Linse) klingt vielversprechend und erfüllt meine Erwartungen. Großteils zumindest. Das überschaubare Ensemble (Anja Clementi, Klaudia Reichenbacher, Torsten Hermentin) agiert wunderbar. A. Clementi ist eine fabelhaft leidenschaftliche Romy, K. Reichenbacher eine exzellente postmortale Sissi und Torsten Hermentin ein gelungener Lucheni. Schauspielerisch lässt das Stück somit keine Wünsche übrig und auch sprachlich begeistern seine drei Akteure. In Bilderrahmen posierend, erwarten sie das Publikum bereits in dem winzig kleinen Raum des Café Shakespeare, der als Bühne dient. Atmosphärisch großartig, kann der „Saal“ (wobei das Wort für seine räumliche Begrenztheit vielleicht etwas hoch gegriffen scheint) hervorragend punkten. Sissi, Romy und Lucheni sind in ihren Bilderrahmen den Blicken der Besucher ausgesetzt und verlassen sie immer genau dann, wenn gerade niemand anwesend ist. Dann nämlich wird sich den neuen Problemen in den ehemaligen Kronländern gewidmet und darüber gejammert, dass ein Wittelsbacher – Skandal! – auf dem Thron des Zeus sitzt und Ludwig, ja, den Ludwig möchte man schon gar nicht als Besucher haben (herrlich übrigens A. Clementis Darbietung des Märchenkönigs). Sissi ist da ganz bei Romy und ereifert sich mit ihr im stärksten „Kaiserjargon“, während ihr ihre Verbündete eine „serotonine Disbalance“ vom Allerfeinsten konstatiert und beide Frauen um ihre Söhne trauern. Und dann ist da noch Lucheni, der sich – hervorragend gemimt – nicht ganz in den theatralen Kontext einfügen möchte. Historizität flammt immer wieder auf und ist vor allem im ersten Teil präsent, was die Verständlichkeit der Zusammenhänge vereinfacht und die Handlung äußerst erheiternd gestaltet. Doch dann fordert der wirtschaftliche Aspekt immer häufiger sein Recht und damit, so hat es bisweilen den Anschein, wächst die Ahnungslosigkeit so mancher ZuschauerIn. Historizität und Wirtschaftlichkeit gehen eine enge Symbiose ein, deren Konsequenz sich an „Dr.“ Lucheni manifestiert. Wobei Dr. Lucheni und seine Ratschläge naturgemäß als Imbalance empfunden werden, ja, geradezu werden müssen, wenn der Gedanke an die Tat der historischen Figur die fiktive Variante, und damit die Theaterhandlung, überlagert. Ausblenden könnte Abhilfe schaffen, aber dann ist es ohnehin bereits zu spät, denn um die ehemaligen Kronländer steht es immer noch düster.

Sissi und Romy verabschieden sich an diesem Dernière-Abend leider endgültig von der Bühne, aber dann bleibt ihnen vielleicht wieder etwas mehr Zeit, sich um ihre postmortale Depression zu kümmern. Deshalb bleibt an dieser Stelle nur noch übrig zu erwähnen, „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut!“

Fotonachweis: (c) Theater (Off)ensive

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