papier.waren.pospischil | Salzburger Kammerspiele

papier.waren.pospischil – Salzburger Kammerspiele

DING DONG, DING DONG, WER STEHT DORT VOR DER TÜR?

… Nein, nicht der Postillion, aber PAPIER.WAREN.POSPISCHIL. Das Gewinnerstück des Komödien-Wettbewerbs „Die Freiheit des Lachens“ 2017 feierte in den Kammerspielen des Salzburger Landestheater Uraufführung.

Melli, die junge Angestellte im Papierwarenladen von Frau Pospischil, rekapituliert während der Arbeitszeit ihr Privatleben in prolligstem Wiener Jugendsprech. Viel zu tun hat sie ohnehin nicht, sondern räumt nur Bücher von A nach B. Wie das Geschäft ihrer Chefin auf diese Weise funktionieren kann, ist ihr ein Rätsel. Wenig charmant verweigert die aber jegliche Auskunft. Dann kommen in kurzer Reihenfolge eine alte Frau mit Rollator und ein Selbstmörder ins Geschäft. Die eine verlangt nach einem Briefchen, der andere nach Briefpapier. Schließlich hat sich auch noch der ominöse Herr Navratil angekündigt, dem Frau Pospischil keinesfalls begegnen möchte.

Versprochen ist versprochen

Vor zwei Jahren gewann Theodora Bauer den Komödien-Wettbewerb „Die Freiheit des Lachens“ am Salzburger Landestheater. Junge Autoren*innen traten mit Auszügen aus ihren Stücken gegeneinander an. Die lasen nicht sie selbst, sondern Schauspieler*innen depapier.waren.pospischil | Salzburger Kammerspieles Landestheater. Jury war das Publikum, das indirekt auch den Hauptpreis vergab: die Uraufführung des eigenen Textes. 2017 war das PAPIER.WAREN.POSPISCHIL – Claus Tröger (Regie) und Katja Schindowski (Bühne und Kostüme) lösen das Versprechen diese Spielzeit stellvertretend ein, mit einem kleinen, aber feinen Ensemble des Landestheater.

„Peng, peng, he shot me down“

Claus Trögers Inszenierung hat sich der Artifizialität verpflichtet. Man ist sich seiner Künstlichkeit bewusst und zelebriert sie selbstsicher. Das lässt sich durchaus charmant an. Geräusche werden nicht vom Band eingespielt, sondern onomatopoetisch in den Raum geworfen. „Ding dong“ singen die Darsteller*innen, wenn sich die Ladentüre öffnet. „Ding dong“, wenn sie wieder ins Schloss fällt. Gerne auch öfters hintereinander, wenn Unentschlossenheit dominiert. Der lebensmüde Werther-Fan feuert seine Pistole mit einem fröhlichen „Peng“ ab. Der Effekt wird mit herabrieselndem Bühnenhimmel belohnt. Doch da geht noch mehr vorgeführte Gemachtheit. Deshalb zieht sich das spätere Opfer in aller Seelenruhe erst einmal die Gummihandschuhe über (nur nicht kleckern), ehe es umständlich nach der Kunstblut-Kapsel in der Hosentasche fischt und sie sich nach dem tödlichen Schuss mit Liebe zum Detail im Gesicht verschmiert. Die Lacher sind PAPIER.WAREN.POSPISCHIL mit so viel theatraler Selbstironie gewiss.

Lila Dauerwelle

Apropos Lacher. Die heimsen auch die Figurenzeichnungen ein. Nikola Rudle ist eine geradezu paradigmatisch prollige Melli, papier.waren.pospischil | Salzburger Kammerspieledie sich beim Telefonat mit ihrer ‚main bitch‘ auch gerne die Nägel lackiert und inflationär Komposita mit ‚Hure‘ bildet. Bei der älteren Dame eine Reihe weiter hinten setzt Schnappatmung ein. Britta Bayer gibt die nervös, zerstreute Frau Pospischil, die ihr Geheimnis nicht länger für sich behalten kann und will. Wunderbar die Szene mit Frau Fleischer (Sascha Oskar Weis). Im adretten Tweed-Kostüm mit obliogatorisch violett verfärbter Dauerwelle und Rollator verlangt Letztere lautstark nach ihrem Briefchen. Frau Fleischer wiederholt sich so lange mit gelegentlichen Blackouts, bis auch bei Melli der Groschen fällt, mit was Frau Posposchil eigentlich ihr Geld verdient – und nein, Papierwaren sind es nicht.

 

Ich wollt‘, ich wär‘ ein…

Warum der lebensmüde Werther-Fan Nikolaus (Hanno Waldner) just als Huhn in den Laden spaziert, erschließt sich dann allerdings nicht gänzlich. Freilich, die Farbwahl des Kostüms – gelb und blau – ist auf die literarische Vorlage zurückzuführen, Stichwort Werther-Hype. Der Rest verharrt im Dunkeln. [Anm.: Tatsächlich wurde ich inzwischen aufgeklärt – siehe Kommentare. Das gelbe Kostüm ist kein Küken, sondern ein Kanarienvogel und damit eine Analogie an Werther. Vielen lieben Dank für den Hinweis! 🙂 ). Dafür erheitert Nikolaus‘ konsequent zelebrierter Tiroler Einschlag umso mehr. Auch die dramatisch lebensmüden Gesten verdreht Hanno Waldner gelungen ins Ironische. Als drogenabhängige Greisin Frau Fleischer hatte Sascha Oskar Weis bereits seinen großen Auftritt, als Adalbert Navratil kehrt er zurück. papier.waren.pospischil | Salzburger KammerspieleDass man der Figur nicht gänzlich habhaft werden kann, liegt allerdings nicht am Mimen sondern vielmehr am Ende. Dem Komödien-Charakter verpflichtet, feuert PAPIER.WAREN.POSPISCHIL eine Pointe nach der anderen ab und verausgabt sich zu rasant. Mehr Sparsamkeit wäre angebracht. Spätestens wenn Adalbert Navratil auf der Bühne steht, bleiben auch die Steigerungen aus. Die Luft ist bei PAPIER.WAREN.POSPISCHIL jetzt raus und der Spannungsbogen kippt ins Gegenteil. Selbst die Dialoge verlieren an Tempo und werden ihrer Struktur untreu.

Weniger ist mehr

Spätestens an dieser Stelle wird auch das Kokettieren mit der Künstlichkeit überstrapaziert. Lässt es sich noch humorig an, wenn Herr Navratil als Leiche über seinen Abgang philosophiert (einmal mehr Sascha Oskar Weis ironisch verspielt), dann endet das Verständnis beim halblustigen „Walking Dead“-Zitat. Ja, kann man machen, sollte man aber nicht. Vor allem, wenn just nach dieser Szene der Vorhang fällt. Zurück bleibt Ratlosigkeit. Ja, hat das Stück gar zwei Enden? Die etwaige Verwirrung verhindert auch der kurz davor stattfindende Auftritt des sehr bestechlichen Heinrich (Walter Sachers) nicht. Der Polizist verdreht die Faktenlage je nach amourösem Erfolg bei seiner Herzdame Frau Pospischil und sitzt am Ende mit selbiger pittoresk hinter dem Vorhang. Noch ein letzter gelungener ironischer Seitenhieb, diesmal auf das flexible österreichische Beamtentum.

 

Fotonachweis: Tobias Witzgall

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2 Kommentare

  1. Das vermeintliche Huhn-Kostüm von Hanno Waldner ist ein Kanarienvogel und entspringt einem Zitat aus Gothes „Werther“ S.93 , am 12. September, Reclam. Nicht nur Melli scheint das Stück noch nie gelesen zuhaben.

    1. Author

      Oh, vielen Dank für den Hinweis! Das habe ich dann tatsächlich übersehen – selbst wenn ich mit Goethe eigentlich vertraut bin. Biologie ist allerdings weniger mein Ding. 😉

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