Tim Freitag | Tip Toe

Tip Toe – Tim Freitag

LANDSTRASSE TO HELL.

Nachschub aus der Schweiz: Tim Freitag lieben und leiden, wie nur Tim Freitag lieben und leiden können – und für TIP TOE sogar mit Live-Schaltung nach Saigon.

Die Erwartungshaltung steigt. Genau genommen mit jedem Single-Release von Tim Freitag. Das liegt nicht nur an den musikalischen Würfen der Band, sondern auch ihren visuellen Visionen. Dafür tragen sie selbst die Verantwortung, schließlich befeuern sie den Hype mit immer neuen, immer kreativen Videoclips. Die Geister, die sie riefen, werden Tim Freitag also nicht mehr los. Das scheint den fünf Bandmitgliedern aber ohnehin egal zu sein, viel lieber legen sie noch einmal nach: TIP TOE heißt der jüngste Single-Release aus Richtung Schweiz, der auf bewährte Tim Freitag-Rezeptur setzt.

Backe, backe Musik

Wer sich jetzt am Kopf kratzt und überlegt, Tim Freitag-Rezeptur? Na klar doch: Viel Gefühl, mehr Gefühl, Tim Freitag. Von wegen, Männer können keine Gefühle zeigen. Tim Freitag haben damit kein Problem, vielleicht sind Severin Graf, Nicolas Rüttimann, Lorenzo Demenga, Daniel Gisler und Janick Pfenninger aber auch einfach nur die Softies der Branche. Bei TIP TOE ist sie deshalb auch wieder ein Thema, ach was, DAS Thema schlechthin – die Liebe, l’amour, נ‘אהבה. Dafür schrauben sich Janick Pfenningers Vocals in erstaunliche, aber sehr tim-freitag-lastige Höhen und verharren auch genau dort: sehr, sehr weit oben (Lyrics: Janick Pfenninger, Vania Sousa). Das scheint nur konsequent, während sich die Wörter (der Titel hat’s versprochen) auf Zehenspitzen tänzelnd ihren Weg durch den Song bahnen und ihm genau die richtige Mischung aus Verzweiflung, Schmerz und ja, auch Wut verleihen. Weil They-lived-happily-ever-After gibt es bei Tim Freitag nicht. Irgendwann ist dann eben doch ausgesoftiet. Tim Freitag | Tip Toe

Trip down memory lane

Das musikalische Arrangement des TIP-TOE-Chorus besitzt hohen Wiedererkennungswert. Es brennt sich mit „You tip toe real slow touch down / tryina control things that you do“ in die Gehirnwindungen ein und bleibt auch dort, wenn bereits der letzte Ton verklungen ist. Tim Freitag | Tip ToeGekommen um zu bleiben ist auch das dazugehörige Video, das sich mehr als Kurzfilm denn als profaner Videoclip anlässt (Regie: Achille Lietha).

Das Spannende, TIP TOE ist so faszinierend wie verstörend und entwickelt gerade deshalb ein divergentes Eigenleben. Frontmann Janick Pfenninger hat sich für den Film einer kleiner Alterungskur unterzogen. Mit einigen Jahzehnten mehr im Gesicht, schwelgt sein Charakter in Erinnerungen. Was so lieb und nett daherkommt („jöööö, ein Opa!“), erhält zügig eine pikante Note. Wenn die Figur eine „Tip Toe“-Videokassette in den Rekorder legt, ist das nicht nur sehr offensichtlich pre-2000, sondern auch latent voyeuristisch. Über das betagte Fernsehgerät flimmert eine Zahnspange tragende junge Frau, die sich in einer Tiefgarage mit kurzer Glitzerklamotte meistens abgehackt, manchmal lasziv bewegt.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Die dick aufgespachtelte und präzise modellierte Maske des Sängers – komplett mit Altersflecken – ähnelt einem Kunstwerk, Tim Freitag | Tip Toedas sich Janick Pfenninger in Horrorstreifen-Attitüde sehr langsam und mit Hingabe vom Gesicht zieht (Maske: Juliette Ruetz). Eigentlich schade darum und ziemlich ephemer. Inzwischen hat TIP TOE auch seine Roadtrip-Sequenz erreicht. Vergessen sind dubiose alte Männer und ihre (vielleicht) pikanten Erinnerungen. Munter brettert eine Vespa über dunkle Straßen und der spontan verjüngte Protagonist hebt ab. Fast so wie eine Neugeburt, die übrigens auch die junge Frau erleben darf, allerdings im Wasser und zu Mofa – mit Lolita-Parallelen am Ende.

Tim Freitag haben es also wieder getan. Nur dass diesmal sogar Song und Video, jedes für sich, ein abenteuerliches Eigenleben entwickeln und auch ohne das jeweils andere Element existieren könnten. Man darf gespannt sein, wie die Band TIP TOE oder den futuristischen Trash/Soft-Porn/Horror/Artsy-Streifen beim nächsten Release überbieten wird. Vielleicht mit dem genauen Gegenteil – einem ausgewachsenen Kinofilm inklusive Happy End und Rosamunde-Pilcher-Reminiszenzen… ?! 😉

 

Fotonachweis: Achille Lietha & Gui Trang

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