Im Portrait: Christian Dolezal

Sprung durch die Jahrhunderte

Der österreichische Schauspieler Christian Dolezal ist für einen Abend zurück am Kleinen Theater: Arthur Schnitzlers Leutnant Kasda lässt bitten.

Vor einiger Zeit stand Christian Dolezal mit der Dramatisierung – oder Monologisierung – von Thomas Glavinic‘ DAS BIN DOCH ICH auf der Bühne des Kleinen Theaters und sorgte für Eindruck. Eine Nische schien gefunden, die der Schauspieler gekonnt ausfüllte; endlich fühlte sich auch der nicht ganz so theateraffine Mann im Zuschauerraum so richtig wohl, der immer schon mal „Männersachen“ auf der Bühne sehen wollte, aber bisher meistens darauf verzichten musste. Nicht länger – an dieser Stelle jubilierte er: Christian Dolezal schlüpfte in die Rolle des sympathischen Antihelden und verkörpert sie im Alleingang so gekonnt, dass sich auch das weibliche Publikum begeistert zeigte.

Die Euphorie darf aufleben. Denn Christian Dolezal drehte kräftig am Zeitrad und schlüpft einmal mehr in die Rolle eines Monologisierers: Als Erzähler in Schnitzlers SPIEL IM MORGENGRAUEN lässt er das Fin de Siècle und sein fragwürdige Ehrgefühl wieder auferstehen, das meistens in den Untergang führte – zumindest bei Arthur Schnitzler; obendrein entfaltet die dekonstruktive Wirkung des Geldes ihre geballte Kraft. Aber wie hält es eigentlich der Schauspieler selbst mit dem Literaten und welches Verhältnis hat er zu Monologen?

Was reizt Sie an diesen und ähnlichen monologischen Inszenierungen besonders und auf was könnten Sie verzichten?
CD: Diese Geschichte ist so unfassbar überraschend und schön, dass es tatsächlich nichts braucht als eine leere Bühne und einen Schauspieler, um die Leute in eine andere Welt entführen zu können. Jedes Bühnenrequisit oder jeder Lichtwechsel wäre schon zu viel. Ich habe während der Proben die Erfahrung gemacht, dass die Aufführung immer stärker wird, je weniger ich davon benötige. Ich erlaube mir auch zu sagen, dass ich sie mittlerweile sehr gut spielen kann. Die ersten Vorstellungen fanden zum Beispiel in Ziegenställen statt, vor Bäuerinnen, die noch nie ein Theaterstück gesehen hatten. Sie waren so gebannt, sie haben mich wie eine Marienerscheinung angesehen.

Bei Arthur Schnitzler handelt es sich um einen der bekanntesten österreichischen Literaten um die Jahrhundertwende. Wie transportieren Sie diese geballte Sprachlichkeit der Wiener Moderne im Ausland?
CD: Auch auf Deutsch. In Chicago beispielsweise gibt es sehr viele aus Österreich geflüchtete Juden und deren Nachfahren. Für sie war es besonders schön, wieder mal die originale Schnitzler-Sprache zu hören. Oder in den Ställen am Balkan haben einige Zuhörerinnen, die über Deutschkenntnisse verfügten, simultan übersetzt und ihren Sitznachbarinnen ins Ohr geflüstert.

Wie reagiert das zeitgenössische Publikum auf die Textlichkeit eines Arthur Schnitzlers?
CD: Es ist mucksmäuschenstill und danach sind alle froh, wieder mal eine so schöne Sprache gehört zu haben.
Was meinen Sie eigentlich mit „Textlichkeit“? Ein hässliches Wort, finde ich.

Stimmt, Textlichkeit ist näher betrachtet ein sehr hartes Wort. Ich meinte damit eigentlich die Syntax Anfang des 20. Jahrhunderts, die ja doch ein wenig von der heutigen differenziert. Übrigens, haben Sie eigentlich eine Lieblingsstelle im Stück?
CD: Eine meiner Lieblingsstellen ist die Mittagstafel bei Keßners, als Leutnant Kasda seine „Herzdame“ besucht: „Und ein lebhafter Druck von Emiliens Knie an dem seinen gab sich nicht mehr die Mühe, als zufällig zu gelten.“

„Spiel im Morgengrauen“ in drei Sätzen:
CD: Ein junger, leichtlebiger Mann, der sich von allerlei Reizen verführen lässt, dabei ordentlich in die Bredouille gerät und glaubt, sich mit dem Schicksal anlegen zu können, bis ihm ein Mann mit schwarzem Samtmantel begegnet.
Eine Geschichte über Spiel und eine verhängnisvolle Amourschaft.

Was würden Sie dem Autor mitteilen, wenn Sie ihm heute begegnen?
Ich würde mich bei ihm bedanken, denn er war der tollste österreichische Autor aller Zeiten und ich würde ihn bitten, sich die Vorstellung anzusehen. Ich würde ihm versprechen, dass im Publikum viele schöne Frauen sitzen würden, denn dann würde er auch kommen. (Die erotische Raffgier Schnitzlers ist bekannt). Und dann würde ich ihm mit hochrotem Kopf seine Geschichte vorspielen.

 

Fotonachweis: Celine Nieszawer

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