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„Das Theater ist ein gesellschaftliches Grundbedürfnis und wird es bleiben“

Irrationale Zeiten mit logischen Argumenten beizukommen, sei aktuell sinnlos, konstatiert Michael Kolnberger. Der Salzburger Regisseur, Schauspieler und Theaterpädagoge über die Situation des Theaters.

Wer sich mit Kultur in Salzburg beschäftigt, trifft immer wieder auf einen Namen, Michael Kolnberger. Meistens am Theater, mitunter am Literaturhaus, aber ganz sicher in der Freien Szene, setzt sich der Regisseur, Schauspieler und Theaterpädagoge gerne mit sozialkritischen Themen und moralischen Diskursen auseinander. Der Weg auf die Bühne scheint vorprogrammiert gewesen zu sein. Zum Theater kam Kolnberger durch die Eltern, „beide waren Theatermenschen und ich begann noch vor der Matura am Landestheater als Statist und anschließend an der legendären Elisabethbühne, dem heutigen Schauspielhaus, unter der künstlerischen Leitung von George Ourth.“ Kunst und Kultur kennt er also von innen nach außen und hat konkrete Standpunkte, gerade in Zeiten wie diesen, wo das Politik-Wasser der Muse Thalia und ihren acht Schwestern schon bis zum Hals zu stehen scheint.

Was bedeutet Kunst und Kultur für Sie?
Das Leben lebenswerter zu machen, soziale Verantwortung zu erfahren, teamfähig zu sein und über sich selbst mehr zu erfahren. Kunst ist für mich natürlich auch ein wichtiger gesellschaftspolitischer Aspekt und als öffentlicher Ort das komplexeste Kommunikationsmedium.

Als Regisseur, Schauspieler und Theaterpädagoge sind Sie mitten drin in der von Corona arg strapazierten Kulturszene. Wie ging es Ihnen im ersten Lockdown und wie empfinden Sie jetzt den zweiten?
Ich bzw. wir hatte(n) Glück dazwischen im September die Produktion BASH an der ARGEkultur spielen zu können. Ich denke aber intensiv an die KollegInnen, die im Herbst ihre Arbeit nicht präsentieren konnten. Pädagogische Einzelproben sind nach wie vor möglich.

Wie sehen Sie die Maßnahmen der Regierung und beurteilen Sie das Verhalten der Politik gegenüber Kunst und Kultur?
Grundsätzlich muss man das übergreifende Maßnahmenkonzept verstehen. Trotzdem empfinde ich einen Theaterraum in ausreichender Größe mit durchdachten Covit-19 Konzeptionen sicherer als einen Lift in einem Mehrfamilienhaus. Aber irrationale Zeiten mit logischen Argumenten zu konfrontieren, erscheint derzeit ziemlich illusorisch.

Was sollte man anders machen?
Kulturräume für Literatur, Musik und Theater, Museen und Galerien kontrolliert öffnen, wenn entsprechende Konzepte vorliegen.

Was wünschen Sie sich von der Politik?
In erster Linie, was die Kultur betrifft, dass keine Arbeitsplätze verloren gehen. Das gilt vor allem für die Freie Szene. Also: Ausbezahlung der Fördersummen, auch wenn die Produktion nicht oder erst zu einem späteren Zeitpunkt sichtbar werden kann.

Es scheint ja nicht so, dass nach 2021 alles wieder auf „normal“ zurückgedreht werden kann. Glauben Sie, wird hier eine Zäsur stattfinden und wird sich im Zuge dessen auch das Theater verändern beziehungsweise verändern müssen?
Ich denke, dass die Sehnsucht nach Theater und nach allen anderen öffentlichen Kunstformen erst durch diese Krise so richtig bewusst wurde. Vielleicht können sich manche Menschen durch ihr persönliches Krisenschicksal Kultur gar nicht mehr in ihrem gewohnten Ausmaß leisten. Demnach müssten die Subventionen entsprechend wachsen, damit die Eintrittspreise leistbar bleiben.
Kultur, Bildung und Soziales darf unter den jetzt getätigten außerbudgelichen Ausgaben zukünftig nicht gekürzt werden und bräuchte nach wie vor jährliche Anpassung und Evaluierung.

Welche Rolle wird das Theater in Zukunft einnehmen und welche sollte es einnehmen?
Das Theater ist ein gesellschaftliches Grundbedürfnis und wird es bleiben. Es gibt keinen bedeutsameren öffentlichen Ort, um über gesellschaftsrelevante Themen zu reflektieren.

Welches Stück wäre aktuell ganz besonders angebracht?
Peter Handke: Die Stunde, in der wir nichts voneinander wussten.
Ein Stück ohne Textmaterial.

Was halten Sie vom Ausweichen in den virtuellen Raum und der Tatsache, dass Inszenierungen neuerdings im Internet stattfinden?
Als rettende Idee verständlich, aber das geht einfach nicht. Theater braucht beides. Die physische Präsenz von Spielern und Zuschauern, um die Dialektik von Spiel und Ernst, Realität und Illusion nicht zu gefährden.

Was wünschen Sie sich von der Bevölkerung?
Besucht Kulturveranstaltungen und helft vor allem der Freien Szene, auch wenn darin öfters auch unbequeme Themen verhandelt werden.

Was wird Ihr nächstes Projekt sein?
Das verrate ich jetzt noch nicht.

Welche Frage hätten Sie hier gerne gelesen, die nicht gestellt wurde, und wie würden Sie diese beantworten?
Glauben Sie, dass den Menschen der Theaterbesuch fehlt? Ich denke: “Ja, sehr!“

 

 

Fotonachweis: Szenenbilder zu BUNGEE JUMPING © Piet Six

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