G'SCHEID BLED - Sonderbar Schauspielhaus

G’scheit bled – Schauspielhaus Salzburg

Hommage ans Wienerlied: G’SCHEIT BLED am Schauspielhaus Salzburg

„Waun mi des Reisebüro net vermittelt hätt…“ – Travnicek ist zurück und stellt gemeinsam mit Kellnerin Josefa in der Sonderbar des Schauspielhaus die Geduld von Freund Reiß mit G’SCHEIT BLED auf eine starke ZerReißprobe.

Schon gewusst, es gibt um die 70.000 Wienerlieder?! Also 70.000 von melancholisch bis satirischen (Ab)Gesängen, die dem goldenen Wiener Herz, dem Wein oder gleich sich selbst huldigen. Die Auswahl ist ziemlich groß, aus der Robert Pienz für die neueste Produktion in der Sonderbar des Schauspielhaus schöpfen konnte. Der Intendant inszenierte mit seinem Team G’SCHEIT BLED, eine kurzweilige Reise, die durch die österreichischen Kabarett- und Wienerlied-Landschaft führt.G'SCHEIT BLED: Ensemble | (c) David Haunschmidt

Gender-Revolution im Kaffeehaus

Das Setting für G’SCHEIT BLED ist, ziemlich passend, ein Wiener Kaffeehaus und dort wird jetzt sogar gegendert. Schließlich ist das Ur-Wiener Heiligtum nicht länger das Reich von Oberkellner Franz oder Kollegen Leopold, nein, hier hat ab sofort Kellnerin Josefa das Sagen. Bina Blumencron siedelt ihre gebeutelte, aber herrlich schnippische Servicefachkraft in alt-ehrwürdiger Kaffeehaustradition irgendwo zwischen Hans Moser und Peter Alexander an. Mit stoisch miesepetriger Miene nimmt sie jeder Beschwerde den Wind aus den Segeln und geht dann auch noch stimmlich in die Vollen. Charmant das angedeutete Geplänkel mit Lieblingsgast Travnicek (Theo Helm). Der bekommt nicht nur die größere Tasse Kaffee, sondern wird auch zuvorkommender bedient als Freund Reiß (Wolfgang Kandler).

G’SCHEIT BLED: Doppelconférencen in (fast) neuem Kleid

Selbstverständlich dürfen in so einer Hommage ans Wienerlied die berühmten Doppelconférencen nicht fehlen. Was auf Karl Farkas und Fritz Grünbaum zurückgeht, aber eigentlich seinen Ursprung in Budapest hat, wird von Wolfgang Kandler und Theo Helm zelebriert. Das obligatorische Gespann aus dem Klugen und dem Dummen redet sich herrlich humorig und sehr dialektal in Rage.

Tatsächlich verzweifelt Reiß alsbald an Travniceks mangelndem Wissen. Zu vorangeschrittener Stunde scheinen deshalb blutdrucksenkende Mittelchen für die Figur relativ angebracht oder vielleicht auch gleich ein Sauerstoffzelt. Kandlers Reiß redet sich so cholerisch in Rage, dass bei jedem weiteren „aso?“ oder „erklärns Sie mirs“ von Helms Travnicek ein Gesundheitsrisiko in Reichweite rückt. Das hindert Travnicek freilich nicht, weiterhin selbstironisch Wörter zu verdrehen oder arglos zu missverstehen – um sie dann, wenn Reiß‘ Empörung am größten ist, nonchalant doch korrekt darzubieten. Wodurch der Darstellung etwas eminent Schadenfrohes anhaftet. Der Dumme, der gar nicht so dumm ist.

Melodische dreier Combo

Reiß indes bedient ganz das Sujet des Intellektuellen, der gerne in latent versnobter Attitüde mit Fremdwörtern um sich wirft. Vielleicht auch deshalb die Hornbrille, deren Auftreten man gerne mit der Anwesenheit in einem Hörsaal verbindet. Von invadieren bis visitieren – je ausgefallener das Vokabular, desto besser. Bei so viel Fachsprachwissen ist Geduld selbstverständlich Mangelware und die wiederum triggert keine so gelungen wie Kellnerin Josefa.  Da wirkt das musikalische Dreigespann wie eine Entspannungskur für den Mann mit dem kurzen Geduldsfaden.

Harmonischer scheint kaum möglich, wenn die Combo aus Wolfgang Kandler, Theo Helm und Bina Blumencron stimmstark zum Wienerabend antritt. Schön an dieser Stelle auch die angedeutete Verjüngungskur der bekannten Melodien, wenn e-Gitarre und Neuinterpretationen den Sprung ins 21. Jahrhundert ermöglichen. Das gilt übrigens auch für die Doppelconférencen. Für die tummeln sich auf der Bühne nicht nur niedliche Baby-Elefanten, sondern auch in Diskursform wird immer wieder auf Zeitgenössisches verwiesen. Ein schöner Ansatz, der durchaus auch noch intensiviert hätte werden dürfen. Damit wären auch die letzten Reste an Staub verschwunden, die den alten Dialogen dann halt doch auch bisweilen anhaften.

 

Fotonachweis: David Haunschmidt

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